Geschichte Kobudo

Folgender Text wurde von Dr. Florian Koller (6.Dan Kobudo) im Juli 2022 recherchiert und verfasst.

Eine äußerst kurze Geschichte des Kobudo

Als Ursprung des klassischen Kobudo gilt Okinawa ab dem 15. Jahrhundert. Allerdings ist die Geschichte des Kobudo insbesondere vor dem ausgehenden 19. Jahrhundert in vielen Aspekten nicht genau bekannt und unterliegt Spekulationen sowie Unsicherheiten[1].

 

[1] Die vorliegenden Ausführungen über die der Geschichte des Kobudo richten sich insbesondere nach den folgenden Werken, Reihenfolge entsprechend der Gewichtung:
Roland Habersetzer, „Kobudo – Band 1: Bo, Sai“, 2. Auflage 2020, Palisander-Verlag, Seiten 9 bis 30
Christopher M. Clarke, „Okinawan Kobudo: A History of Weaponry, Styles and Masters”, 2013, Clarke’s Canyon Press, Seiten 13 bis 34
Werner Lind, „Die Tradition des Karate“, 1991, Werner Kristkeitz Verlag, Seiten 7 bis 54
Mark Bishop, „Okinawan Weaponry – Hidden Methods, Acient Myths of Kobudo & Te“, 2009, Way Publications, Seiten 1 bis 20
Die Darstellungen in diesen Büchern unterscheiden sich teils deutlich voneinander.

 

1.) Inselgruppe Okinawa

Okinawa ist eine langestreckte, zerklüftete und bergige Inselgruppe im Pazifik, je ungefähr 600 km von Japan, von Taiwan und vom chinesischen Festland entfernt. Okinawa, das in etwa auf der geografischen Breite von Ägypten liegt, hat insgesamt eine Fläche von ca. 2.300 km2 (zum Vergleich: der Landkreis Rosenheim hat eine Fläche von ca. 1.400 km2) und hatte 1873 ca. 170.000 Einwohner (zum Vergleich: der Landkreis Rosenheim hatte im Jahr 2020 ca. 260.000 Einwohner). Die Inselgruppe mit ihrer wechselvollen Geschichte gilt als Schmelztiegel verschiedener kultureller Einflüsse, insbesondere aus China, Japan sowie natürlich auch der Einheimischen.

Soweit bekannt, wurde der Kontakt zwischen Okinawa und China bereits im 6. Jahrhundert hergestellt. Im 12. Jahrhundert erfolgte eine Einwanderungswelle von aus Japan Geflüchteten, die in größerem Umfang Aspekte der japanischen Kultur mit nach Okinawa brachten, inklusive der damaligen japanischen Kampfkünste. Bis ins 14. Jahrhundert hinein ist aber davon auszugehen, dass Okinawa weitgehend abgeschottet von der Außenwelt war. Im 14. Jahrhundert dann wurde Okinawa gegenüber China tributpflichtig und die Handelsbeziehungen zwischen China und Okinawa intensivierten sich.

Bis ins 15. Jahrhundert war Okinawa die meiste Zeit in mehrere im Wesentlichen voneinander unabhängige Reiche unterteilt. Es wird angenommen, dass erst im Jahr 1429 eine erste Einigung Okinawas unter einem gemeinsamen König erfolgte. Zudem wurde Okinawa in dieser Zeit ein Handelszentrum, mit der Folge, dass sich verschiedene kulturelle Einflüsse und Wissen nicht nur aus China und Japan, sondern auch aus Malaysia, Thailand und dem arabischen Raum in Okinawa vermischen und weiterentwickeln konnten.

2.) Ursprünge des Kobudo

Für die Entstehung des Kobudo gelten insbesondere zwei Perioden in Okinawa als besonders bedeutsam:

  • Anfang des 16. Jahrhunderts wurde aus Angst vor Revolten ein Waffenverbot für die Bevölkerung erlassen. Um Räubern und auch dem Staat aber nicht völlig schutzlos ausgeliefert zu sein, soll dieses erste Waffenverbot insbesondere die ländlichere Bevölkerung dazu inspiriert haben, Alternativen zu herkömmlichen Waffen zu suchen.
    Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, ab 1609, wurde Okinawa vom japanischen Satsuma-Klan erobert – im Zuge dieser Eroberung wurde ein zweites Waffenverbot erlassen. Wiederum, um sich gegen Gesetzlose und auch gegen die Besatzer wehren zu können, wurde improvisiert.
    So entstanden im Lauf der Zeit mit Vorläufern von Karate ausgefeilte waffenlose Kampfsysteme und mit den Vorläufern von Kobudo Kampfsysteme speziell mit unkonventionellen Gegenständen als Waffen. Es wird angenommen, dass die Entwicklung dieser Vorläufer, die rein auf die kämpferische Anwendbarkeit ausgerichtet gewesen sein sollen, meist im Verborgenen verlief, da das offene Praktizieren von den Machthabern nicht gerne gesehen worden sein soll.

Speziell im Verlauf des 19. Jahrhundert ist davon auszugehen, dass sich der Charakter der Vorläufer von Karate und Kobudo langsam wandelte, von der rein kriegerischen Ausrichtung (Bugei) hin zur Kampfkunst (Budo). In dieser Zeit wurden auch verstärkt ursprünglich japanisch-stämmige Trainierende in das sich herauskristallisierende Karate und Kobudo eingeweiht.

Kobudo ist dabei als keine in sich geschlossene homogene Einheit aufzufassen, sondern eher als ein Oberbegriff für eine große Sammlung und Synthese verschiedener Waffen und Anwendungen. Je nach Zählweise werden dem Kobudo teils an die 50 unterschiedliche Waffen bzw. waffenähnliche Gegenstände zugerechnet. Historische Kobudo-Meister beschäftigten sich jedoch oft nur mit einer oder mit wenigen Waffen sehr intensiv. Kobudo ruht damit auf einer Vielzahl von Schultern verschiedener Meister, die über eine lange Zeit hinweg wirkten.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wird davon ausgegangen, dass es vornehmlich zwei verschiedene Hauptentwicklungsstränge für Kobudo gab, welche sich nicht unbedingt stark berührt haben müssen:
Einerseits aus der ländlichen Bevölkerung heraus; dies betrifft insbesondere die „klassischen“ Kobudo-Waffen, wie Tonfa, Kama, Eku, Kuwa oder Nunti-Bo.
Andererseits aus der okinawaischen Nobilität heraus, insbesondere Lehrer aus der Oberschicht Okinawas, speziell aus der königlichen Familie und der Palastwache. Vor allem in diesem Entwicklungsstrang sind verstärkt Einflüsse aus China und Japan zu finden. Waffen, die eher diesem Entwicklungsstrang zuzurechnen sind, sind zum Beispiel Naginata, Yari, Jo, Jitte, Sai oder auch (Ni-) Tanbo.

Ob Kobudo bis ins 19. Jahrhundert in Okinawa strikter Geheimhaltung unterlag und ob tatsächlich ein strenges Waffenverbot für alle Einheimischen galt, ist umstritten – zumindest der Oberschicht bzw. Palastwache dürfte das Tragen von Schwertern oder dergleichen erlaubt gewesen sein. Zudem scheint das Verhältnis zwischen den Japanisch-stämmigen Satsuma-Besatzern und den Einheimischen die meiste Zeit über verhältnismäßig gut gewesen zu sein.

3.) Kobudo wurde öffentlich

Nach dem Ende der Samurai-Herrschaft in Japan in den 1860er Jahren wurde Okinawa von einem besetzten Land zu einer regulären japanischen Provinz. Dies und damit einhergehend möglicherweise nachlassender Druck auf die Bevölkerung sowie vor allem das Auftreten moderner Feuerwaffen führten wohl dazu, dass Karate und Kobudo öffentlich werden konnten – die praktische Relevanz von Karate und Kobudo sank schlichtweg. So gab es um 1900 auf Okinawa die ersten dokumentierten öffentlichen Karate- und Kobudo-Vorführungen. Einige Zeit später, in den 1920er Jahren, wurde insbesondere Karate dann im japanischen Mutterland verbreitet, wurde bei der Regierung populär und gedieh dort rasch als disziplinbringende, nützliche körperliche Ertüchtigung – auch geschuldet dem in dieser Zeit in der japanischen Gesellschaft verbreiteten Militarismus.

Nach der Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg, in welchem viele Originalquellen über Karate und Kobudo auf Okinawa unwiederbringlich zerstört wurden, war Okinawa von den USA bis in die 1970er Jahre besetzt und Okinawa beherbergt(e) große US-Militärstützpunkte. Mit der Rückkehr von US-Soldaten aus Okinawa in die USA ab ungefähr den 1950er Jahren gelangte vor allem Karate in die westliche Hemisphäre und verbreitete sich von den USA aus in Europa (zum Beispiel ausgehend von der Pariser Karateschule von Henry Plée). Dagegen blieb Kobudo länger im Dunkeln und wurde einem größeren Publikum in Europa erst im Rahmen der Karateweltmeisterschaften 1972 in Paris bekannt. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts ist davon auszugehen, dass Kobudo selbst auf Okinawa vergleichsweise unbekannt war; jedenfalls führt(e) Kobudo im Vergleich zu Karate eher ein Schattendasein.

Im 20. Jahrhundert, speziell in den 1950er und 1960er Jahren, wurde über die Originalität von Karate und Kobudo teils heftig gestritten – sind Karate bzw. Kobudo hauptsächlich „okinawaische“ oder nicht doch „japanische“ Künste? So gab es sich originär als japanisch sehende Meister und auch sich als originär okinawaisch sehende Meister. Da Karate (und, weniger ausgeprägt, auch Kobudo) überwiegend nicht direkt von Okinawa aus, sondern vom japanischen Mutterland aus systematisiert und weiterverbreitet wurde (z. B. Funakoshi Gichin lebte ab den 1920er Jahren im japanischen Mutterland und viele Karate-Stile, wie Shotokan, traten ihre Reise um die Welt von dort aus an), sind japanische Einflüsse vielfältig und umfangreich. Sehr verkürzt und stark vereinfacht dargestellt, wurde die okinawaisch eher schlichte, einfache Prägung des Kobudo (zumindest bezogen auf den von der ländlichen Bevölkerung getragenen Hauptentwicklungsstrang) durch das japanische Samurai- und Elite-Denken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überdeckt; spitz formuliert, aus den okinawaischen Fischer- und Bauern-Kampftechniken wurde zum Teil ein japanisches Samurai-Kobudo.

4.) Sôchin ryu Kobudo

In den 1970er und auch noch Anfang der 1980er Jahre war in Europa wenig bis sehr wenig über Kobudo bekannt – allerdings gab es einige, die sich für Kobudo interessierten, unter anderem unseren Stilgründer Jim van de Wielle (*1937).

In den 1970er und frühen 1980er Jahren beschäftigte sich Jim van de Wielle intensiv mit Jiu-Jitsu. Insbesondere stand Jim van de Wielle in regem Kontakt mit den südenglischen Jiu-Jitsu-Schulen um Robert Clark (1946-2012), James Blundell und John Steadman und trainierte regelmäßig in Liverpool. Dort wurden Bo/Jo/Hanbo, Sai, Tonfa Kama und Nunchaku geübt, die Bestandteil des Jiu-Jitsu-Prüfungsprogramms ab dem 3. Dan waren. Kobudo war damit ein relativ kleiner Teil dieses Prüfungsprogramms, mit vergleichsweise geringem Umfang pro Waffe und ohne übergreifendes System.

Die Herkunft des von Robert Clark betriebenen Kobudo bzw. Kobujutsu ist nicht völlig klar. Soweit bekannt ist, lernte Robert Clark unter anderem bei Jack Britten (ca. 1900-1978), welcher bei Yukio Tani (1881-1950) trainiert haben soll. Der Überlieferung nach kam Yukio Tani als junger Mann aus Japan nach England und ist hauptsächlich für sein Jiu-Jitsu bekannt und war, so die Überlieferung weiter, ein Schüler von Mataemon Tanabe (1869-1942) aus dem Fusen-Ryu, das wiederum von Motsugai Takeda (1795–1867), einem japanischen Mönch, gegründet wurde und waffenlose sowie waffenbasierte Verteidigungstechniken beinhaltet[2].

Ausgehend von dem im Umfeld von Robert Clark Erlerntem entwickelte Jim van de Wielle im Laufe der 1980er Jahre „sein“ Kobudo, unter Zuhilfenahme der in den 1980er Jahren in Europa noch nicht sehr umfangreich zur Verfügung stehenden Informationen aus Okinawa und aus Japan. Die ersten „modernen“, noch immer praktizierten Sôchin-Ryu-Kata datieren um 1989. In den 1990er Jahren dann wurde das bis dahin von Jim van de Wielle Gesammelte und Entwickelte zusammen mit Patrick Hesbeens systematisch zum Sôchin-Ryu-Kobudo gefügt. Dabei wurden die ersten Elemente des Sôchin-Ryu anfangs lose im Rahmen von Kun-Tai-Ko praktiziert. Die eigentliche Gründung als selbständiger Stil mit eigenem Prüfungsprogramm erfolgte schließlich im Jahr 1998.

[2] siehe auch, Stand Juli 2022, die englischsprachigen Wikipedia-Artikel „Yukio Tani“, „Fusen-ryū“ und „Mataemon Tanabe

5.) Modernes Kobudo

Im Gegensatz zu anderen Kobudo-Stilen, wie zum Beispiel Matayoshi-Ryu, ist Sôchin-Ryu relativ jung und ist nicht in erster Linie eine strikte historische Überlieferung. Sôchin-Ryu ist nicht exakt am oft eh nur verschwommen und ungenau bekannten historischen Vorbild orientiert, sondern ist in weiten Teilen eine Wieder- und Neuentwicklung von Jim van de Wielle und unterstützt von Patrick Hesbeens, basierend auf dem teils nur spärlich verfügbaren Wissen über die originalen Techniken. Damit geht einher, dass Sôchin-Ryu, insbesondere im Vergleich zu anderen Kobudo-Stilen mit ausgeprägteren historischen Wurzeln, stärker auf die Kerntechniken der einzelnen Waffen konzentriert ist. Zudem bietet Sôchin-Ryu einen Einblick in die vielfältige Welt der Kobudo-Waffen, sodass auch Waffen gelehrt werden, die in anderen Kobudo-Stilrichtungen zum Teil gar nicht behandelt werden.

Sôchin-Ryu ist kein statisches, streng historisches Konzept, sondern ist einer Weiter- und Fortentwicklung gegenüber offen. Durch seine Anfänge auch im Jiu-Jitsu liegt ein Schwerpunkt des Sôchin-Ryu auch im Bereich der Selbstverteidigung; dies gilt zumindest für die heutzutage noch als alltagstauglich anzusehenden Waffen, wie Jo, Tanbo oder Yawara, oder deren modernen Entsprechungen wie Spazierstock, zusammengerollte Zeitung oder Regenschirm. Im Sôchin-Ryu wird der Geist des alten Kobudo, sich im Alltag mit improvisierten Waffen zu verteidigen, in die Jetzt-Zeit getragen.

6.) Wortbedeutung von Sôchin ryu Kobudo

Kobudo bedeutet übersetzt in etwa „alter kriegerischer Weg“ oder „alter Weg des Kriegs“. Sôchin-Ryu bedeutet ungefähr „Stil der Stärke und Ruhe“ oder „Stil der ruhigen Kraft“;  Sôchin kann aber auch als „Wahre den Frieden“ gelesen werden. Der Name Sôchin impliziert ruhige und dabei kraftvolle und dynamischen Techniken. Sôchin ist auch der Name einer Karate-Kata, die ihren Ursprung in Okinawa hat.

7.) Sôchin-ryu - Zeichen

Das Zeichen für Sôchin-Ryu-Kobudo ist gebildet aus einem roten Kreis, unterteilt in 16 Sektoren, auf weißem Grund. Die drei von oben nach unten verlaufenden Schriftzüge innerhalb des Kreises lauten links „Jim van de Wielle“, in der Mitte „Sôchin-Ryu“ und rechts „Kobudo“.

Markantes Sochin ryu Kobudo Logo

Der rote Kreis vor weißem Hintergrund erinnert an die Nationalflagge Japans, an die Hi no Maru‚ deutsch etwa „Sonnenrund“ oder „Sonnenkreis“. Die Ausführung mit den 16 Sektoren erinnert an eine Variante der vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des zweiten Weltkriegs genutzten Flagge Japans, der Kyokujitsuki, deutsch etwa „Flagge der aufgehenden Sonne“, wobei die 16 Sektoren für Sonnenstrahlen stehen. Die im Sôchin-Ryu-Zeichen verwendete Variante als sogenannter Siemensstern wurde dabei eher selten und früh verwendet. Durch die Siemensstern-Variante wird die insbesondere im zweiten Weltkrieg verwendete, historisch nicht ganz unproblematische Variante mit einem zentralen massiven roten Kreis, von  dem die 16 Strahlen ausgehen, vermieden.

Außerdem wurde die Siemensstern-Variante in den 1970er und 1980er Jahren auf Urkunden für höhere Dan-Grade der World Ju-Jitsu Federation verwendet, dort in leicht asymmetrischer Form. Die World Ju-Jitsu Federation wurde 1976 von Robert Clark gegründet. Insofern erinnert das Sôchin-Ryu-Zeichen auch an seine ersten Anfänge im Umfeld des Jiu-Jitsu von Robert Clark.

Zudem greift der rote Kreis vor weißem Hintergrund das ähnliche Design der Logos der World Kun-Tai-Ko Budo Association und zumindest einiger deren Teilverbände auf, dass die Verbindung zum Kun-Tai-Ko symbolisiert wird.

Fragen zu Kobudo oder Trainingsmöglichkeiten?

Peter Neuwirth, 5.Dan
Chief Instructor Austria
Kobudo Hotline: +43 650 9258966
office@sochin-ryu-kobudo.com

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